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Was hat das eigene Büro mit der Unternehmenskultur zu tun?

Als ich in meinem ersten Job anfing, freute ich mich über mein eigenes Büro. Alleine saß ich jeden Tag da, konnte die Tür zu machen und in Ruhe arbeiten. Was für ein Aufstieg, nachdem ich jahrelang als Studentin in einem Großraumbüro saß und mich von dem Stimmengewirr ablenken ließ. Es wurden Anweisungen durch den Raum geschrien, beim Telefonieren übertraf man sich gegenseitig, konzentriertes Arbeiten war selten möglich. Ich freute mich auf meine Runden auf dem Hof. Was gut funktionierte, waren die kurzen Mitteilungswege, das gemeinsame Mittagessen oder auch die Unterhaltung mit dem Chef. Es war irgendwie familiär.


Das Einzelbüro und die Macht

Wenn man zurückschaut, wo das eigene Büro herkommt, so stellt man fest, dass das Büro nur als Organisationseinheit für große Plantagen und Fabriken genutzt wurde. Die tatsächliche Arbeit geschah auf den Feldern. Mit der Entwicklung der Informationstechnologie und dem Aufstieg der „Wissensarbeiter“ bekam das eigene Büro einen anderen Stellenwert. Schreibtisch an Schreibtisch, hierarchisch orchestrierte Unpersönlichkeit und bloß kein außerhalb der Box denken. Schließlich könnte man ja mehr wissen, können oder tun als der Vorgesetzte. Effizienz statt Menschlichkeit. Ging man durch den Eingang ins Büro, so legte man die eigene Persönlichkeit ab und erst abends mit dem Ausstempeln, nahm man sie wieder zurück. Und am nächsten Tag ging es wieder weiter so. Bis man in Rente ging oder verstarb oder versetzt wurde. Jobhopping war verpönt, Selbstverwirklichung erst recht. Einen „Purpose“ gab es nicht. Der Chef hatte ein Zimmer mit Ausblick und war abgeschottet vom Rest der Welt. Informationsfluss für Innovation oder Kreativität wurde bewusst verhindert. Denn man machte, was der Chef sagte. Die Macht über die eigene Karriere lag allein bei ihm. 

Das moderne Büro

Mein Freund hat in seinem Job nun ein eigenes Büro. Als er frisch anfing, kam er zu mir und meinte, für meinen Schreibtisch wünsche ich mir ein Foto in einem Bilderrahmen von dir. Eine sehr supersüße Geste.

 

Doch ich fragte mich, inwiefern ist das überhaupt noch aktuell? Schauen wir uns die Entwicklung des Büros an, so kommen wir vom „Einzelbüro“, welches Macht und Status signalisiert hin zu selbstorganisierten Teams, geringen Hierarchien und Bürolandschaften mit shared-desk Prinzipien. Es gibt Container, in denen Mitarbeiter*innen Ihre persönlichen Habe aufbewahren können. Nach Projektart und -team wird sich neuzusammengewürfelt, der beliebte Platz am Fenster ist morgens als erstes belegt. Ist es nun also Macht in vielen Teams dabei zu sein? Wird Status über den Platz am Fenster transportiert? Und warum freuen sich Arbeitsanfänger*innen über ihr eigenes Büro, wenn die Wissenschaft doch deutlich macht, dass für Kommunikation und Interaktion Bürostrukturen aufgebrochen werden müssen. Nicht ohne Grund ist die Interaktion ein Fokuspunkt vieler neugestalteter Büroflächen – ganz im Stile von New Work. 

Wissen wir denn überhaupt, was wir wollen?

Ich stelle einfach mal eine Hypothese auf: Arbeitsanfänger*innen wissen noch gar nicht, was sie brauchen. Der persönliche Bedarf an Rückzug und Interaktion ist noch nicht gefunden worden. Und vielleicht verändern wir uns alle gerade in unserer Wahrnehmung und Nutzung des Büros. 

Wir kennen es nicht anders von früher. Meine Mutter hatte als Führungskraft das große Einzelbüro am Ende des Flurs. Aber auch bei meinen Studentenjobs habe ich es nicht anders kennengelernt. Dies führte zu weitgehenden Projektionen der Bedürfnisse anderer oder auch von damals auf meine eigenen. An Universitäten sitzen Professoren in Einzelbüros. Daneben die Sekretärin. Forschende und Lehrende haben zugeordnet zum Professor ebenfalls altmodische Einzel- oder Zweierbüros. In den prägenden Jahren der Ausbildung wird ein Beispiel vorangestellt, welches die Wahrnehmung der Studenten beeinflusst und somit auch den Reiz des Einzelbüros darstellt. In Filmen werden erfolgreiche Menschen immer gleich mit dem Einzelbüro am besten in der Ecke eines Wolkenkratzers im obersten Stockwerk proträtiert. Das eigene Büro ist gleichgestellt mit Macht und auch Erfolg. Das habe ich auch immer so gedacht. Dennoch denke ich da heute ganz anders drüber nach. Während ich für konzentrierte Arbeit gerne allein bin, so sitze ich auch gerne für den Austausch mit Kollegen zusammen. 

Wie sollte die Unternehmenskultur aussehen?

Ich durfte letztens als Expertin Frage und Antwort dazu stehen. Eine der größten Sorgen, war die Lautstärke und wie man damit umgehen kann. Seit den 1980 Jahren gibt es zahlreiche Forschungen in kleineren Studien dazu. Tatsächlich ist die Lautstärke ein wichtiger Punkt, insbesondere wenn es um konzentriertes Arbeiten oder auch Miteinander geht. Hier ist Rücksichtnehmen angesagt. Die Lautstärke kann natürlich durch Teppiche oder Möbelstücke und auch Arrangement der Fläche abgedämpft werden. Dennoch hat das Arbeitsplatzdesign auch viel mit der Unternehmenskultur zu tun. Ein offen gestalteter Bereich, in dem jeder bei jedem sitzen und arbeiten kann, spricht auch für den Versuch eine kommunikative Unternehmenskultur aufzubauen. Die Sicherheit, die wir an unserem eigenen Arbeitsplatz verspüren und durch ein shared-desk Prinzip vermindert wird, darf bei der Transformation nicht unterschätzt werden. Jegliche Art der Veränderung kann für den oder die einzelne sehr schwierig und für andere unverständlich sein. Eine Unternehmenskultur, die Sicherheit bietet und die Veränderung aktiv und vor allem inklusiv bespricht, wird weniger Baustellen haben als eine geschlossene oder auch toxische Unternehmenskultur. 

Aber was bringt uns dann Macht und Erfolg

Der Purpose nach dem wir streben ist nicht mehr überall gleichzusetzen mit Macht und Erfolg. Heute haben wir individuellere Ziele. Wir sind auch nicht mehr 35 Jahre beim selben Unternehmen. Stattdessen wechseln wir, wenn unsere Werte nicht übereinstimmen, die Unternehmenskultur nicht zu uns passt oder die Kollegen halt nicht so New Work sind, wie wir das definieren. Das Büroumfeld spielt dabei eine entscheidende Rolle. Es wird zur Begegnungsstätte der Mitarbeiter. Ein sozialer Ort des Kollaborierens. Wir alle wissen nun, wie es sich anfühlt monatelang die Arbeitsehefrau oder den Arbeitsehemann nicht persönlich sehen zu können. Und geben wir es ruhig zu: Es schmerzt uns. Uns fehlt der menschliche Kontakt. 

Das eigene Büro

An der Uni habe ich mein eigenes Büro. Insbesondere jetzt zu Zeiten von Corona ist das natürlich klasse. Auch dafür gemacht, damit ich konzentriert an meiner Dissertation arbeiten kann. Zuvor saß ich in einem Zweier und davor in einem vierer Büro. Tatsächlich mochte ich alles irgendwie. Wenn ich in Ruhe arbeiten wollte, dann setzte ich mir meine Kopfhörer auf. Ich höre dann klassische Musik. Das mache ich auch, wenn ich alleine bin. Denn es triggert meine Konzentration. Ich bin darauf konditioniert. Durch meine Reisetätigkeit habe ich auch in der Bahn oder am Flughafen gearbeitet. Was ich da faszinierend fand, war, dass ich auch ohne Kopfhörer konzentriert war. Ich wusste, hier wird mich niemand ansprechen und stören. Und vielleicht ist es das, was eine gute Unternehmenskultur ausmacht: unsichtbare Regeln zum Umgang miteinander. Rücksichtnahme auf den anderen, wenn dieser nicht gestört werden will. Und die Erkenntnis, dass ein Boot sich einfacher steuern lässt, wenn alle in dieselbe Richtung rudern.

 

Ich wünsche euch eine wundervolle Woche,

 

eure Zita

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