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Die Ballerinarin

Als ich noch ganz klein war, wollte ich Ballerinarin werden. Damals verstand ich noch nicht, dass Ballerina die weibliche Form ist und es kein männliches Pendant dazu gibt. Für mich war ganz klar, ich wähle einen Beruf, setze ein „in“ hinten dran und schwups habe ich die weibliche Form. Mein Vater schmunzelt da bis heute drüber.

 

Schaue ich mir heute die Sprachwelt an und die verrückten Ausmaße der Zusammensetzungen von männlicher und weiblicher Form durch Sternchen, Doppelpunkt oder mitten drin großgeschrieben, so nervt es mich manchmal. Dennoch finde ich es umso wichtiger, dass wir darauf aufmerksam machen, wie ausschließend Sprache sein kann. Tijen Onarans Buch „Nur wer sichtbar ist, findet auch statt“ trifft den Nagel auf den Kopf. Desto mehr wir als Gesellschaft uns mit dem Thema männlich, weiblich, divers auseinandersetzen, desto mehr verankern wir es in unseren Köpfen. Durch das aufmerksam machen kreieren wir Raum für alle Geschlechter. Wir erweitern die Flexibilität in unserem Kopf um weitere Geschlechter und schaffen zunächst in unserer Sprache Raum dafür. Denn Sprache lebt und verändert sich dadurch, dass sie gesprochen wird. Wenn wir es schaffen, unsere Sprache dahin zu verändern, mehr Sichtbarkeit für alle zu erreichen, dann erreichen wir das auch in anderen Bereichen. Dann ist ein Beruf nicht mehr aufgrund eines Geschlechts geprägt, weil dieses die bisher vordergründige Bezeichnung ist wie bspw. Präsident, sondern auf Grund der Fähigkeiten, die dafür benötigt werden. Bis wir dahin kommen, dass Berufe im allgemeinen Sprachgebrauch mit Fähigkeiten assoziiert werden und nicht durch die reine Form mit einem Geschlecht, wird es wahrscheinlich noch ein wenig dauern.

Dabei gibt es viele Ideen, wie sich die Sprache dahin verändern kann. Ein Schritt, den der Duden jetzt geht, ist die Einführung aller weiblichen Formen und dazu eine explizite Erklärung, dass dies die weibliche Form ist: sprich, wenn eine Frau Zb Lehrerin ist, dann wird dies auch explizit so zugeordnet. Bei den Männlichen Formen wird rausgenommen, dass es allgemeingültig ist. Stattdessen wird die Beschreibung auf eindeutig männlich umgeschrieben. Ein toller Schritt! Der erste Schritt in Richtung gleichgestellte Sprache. Accenture nutzt in einigen Stellenausschreibungen ausschließlich die weibliche Bezeichnung mit (m,w,d) im Zusatz. Da fühlt Frau sich gleich viel angesprochener. Ein weiteres Beispiel für verändernde Sprache ist die Einführung eines neue Personalpronomens für Menschen, die sich weder männlich noch weiblich fühlen. Das führt anfangs ziemlich sicher zu Knoten in unseren Köpfen, aber wenn wir die notwendige Kapazität geschaffen haben, dann fällt es uns irgendwann nicht mehr auf und wir benutzen alle Formen gleichgestellt, unabhängig vom eigenen oder eigentlichen Geschlecht.

 

Somit erreichen wir, dass Themen, die uns bisher in die Panikzone getrieben haben, stattdessen in der Lern- und Komfortzone stattfinden. Wir erweitern somit sukzessive unsere Zonen, in denen wir uns wohlfühlen und lernen können, ohne uns zu überfordern. Dadurch erweitern wir unseren Horizont und befähigen uns selbst. 

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