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Hallo, hier bin ich!

Ich liebe diesen Moment: Frau kommt in den Konferenzraum und es wird still. Die zuvor aufgekommene Diskussion wird je unterbrochen und Frau hört den Spruch: "Oha, jetzt müssen wir ja unsere Sprache anpassen." Ein zustimmendes Nicken und Murmeln geht durch die durchweg männlich besetzten Stuhlreihen. Meine Antwort lautet ja immer irgendwie so: "Ach, tun sie sich keinen Zwang an." Aber Mann will Frau ja zeigen, dass Mann sie respektiert.

 

Tatsächlich ist dieses Verhalten oftmals das genaue Gegenteil. Es ist nicht respektvoll, wenn Frau darauf hingewiesen wird, dass sie anders ist. Es ist nicht respektvoll, wenn Frau darauf hingewiesen wird, dass sie nicht dazugehört. Es ist auch nicht respektvoll, wenn Frau darauf hingewiesen wird, dass sie halt eine Frau ist. Ein Exot im traditionell konservativen Business, in dem Mann sich an Frauen erst noch gewöhnen muss. Respektvoll ist es, wenn Mann Frau integriert. Dies geht ganz einfach durch weiterreden.

 

Es scheint unabhängig des Alters zu sein, wie Männer auf Frauen und Frauen auf Männer reagieren. Ich habe da ja auch Verständnis für. Da kommt so ein junges Ding um die Ecke bzw. durch die Tür und schon weiß Mann nicht mehr, was er sagen soll oder was angemessen ist. Da bringt einer einen Spruch und alle stimmen zu, erleichtert, dass der erste Schritt in Richtung Integration geglückt ist und dieses heikle Thema nun von der Tagesliste gestrichen werden kann. Vielleicht wird das ja weitläufig unter Männern so angesehen, aber ich als Frau fühle mich durch solche Sprüche nicht integriert. Ich fühle mich aussätzig. Unangepasst. Jetzt müssen die armen Kerle sich meinetwegen auch noch anpassen. Irgendwie ist es mir auch peinlich, dass sie mir das dann noch sagen müssen. Am besten ich sage jetzt gar nichts mehr. Da hinten in der Ecke ist noch ein Platz, da fällt es auch gar nicht auf, wenn ich weiter im Boden versinke und mich gar nicht mehr beteilige.

 

Nein! Stopp!!! Ich stehe doch jetzt meine Frau. Ich setze mich an den Konferenztisch. So mittig wie möglich. Ich bin präsent! Ich habe kein Problem mit derben Sprüchen, ich bin erstaunlicherweise auch nicht aus Zucker gebaut. Wenn die ein Problem mit meiner Anwesenheit haben, ja so what? Ist doch nicht meins. Die werden sich schon dran gewöhnen, dass ich jetzt hier bin. Oh, warte. Vor lauter Selbstunterstützung habe ich jetzt den Faden verloren. Naja, mein Moment kommt schon. Aber aus der Mitte des Geschehens heraus, ist es für mich viel leichter zu bemerken, wenn ich direkt angesprochen werde. Und es ist auch viel leichter für die Kollegen, mich anzusprechen. Hier bin ich unübersehbar.

 

Nach ein paar Meetings mehr und meiner totalen Omnipräsenz, kommen die alten Sprüche wieder. Ich selber ertappe mich dabei, nicht los zu lachen. Manche sind echt witzig wie damals, als mein Chef einen Kollegen als Graf Dracula bezeichnete. Die Ähnlichkeit in dem Moment war aber auch verblüffend. Manchmal habe ich mir auf die Zunge gebissen, um nicht selbst nen Spruch zu machen. Doch auch wenn ich jetzt eine von Ihnen bin, so ist das Gefühl der Zugehörigkeit noch nicht komplett bei mir angekommen. Ich wahre hier immer noch den Anschein, eine elegante Frau zu sein. Business-Lady auf jeden Fall, aber bitte nicht zu aggressiv oder laut. Bloß keine schlechte Laune zeigen, immer lächeln. Emotionen am Arbeitsplatz sind noch nicht gerne gesehen, die Unternehmenskultur  hat sich bei den wenigsten dahingehend geöffnet. Daher konzentriere ich mich jetzt mal wieder, mich im Griff zu haben…

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