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Mein Mansplaining Moment des Jahres: 2021

Der Begriff Mansplaining ist durch die Autorin Rebecca Solnit geprägt. Es bedeutet, dass ein Mann einer Frau etwas erkärt, ohne, dass sie ihn um die Erklärung gebeten hat oder eine Frage gestellt hat. Einfach nur aus der Annahme des Mannes heraus, dass die Frau es auf Grund ihres Geschlechtes nicht wissen könnte. In ihrem Essay "Wenn Männer mir die Welt erklären" beschreibt sie eine Situation, in der ein Mann ihr die Welt erklären wollte. Es begab sich, dass sie auf einer gediegenen Party war und ein männlicher, älterer Gast ihr von einem Buch vorschwärmte. Trotz ihrer Bemühungen, am Gespräch teilzuhaben und mehrfach der Aussage, dass sie das Thema kennen würde, unterbrach der Herr sie und ließ sie nicht zu Wort kommen. Erst der Ausbruch ihrer beisitzenden Freundin, dass Rebecca Solnit das Buch geschrieben hätte, ließ den Gast verstummen. Ich habe das Buch selbst gelesen und auch wenn es amüsant dargestellt ist und ich schmunzeln musste ob der Dreistigkeit des Herren, lässt es auch ein leeres, nachdenkliches Gefühl zurück. Ebenso wie die weiteren Essays aus der Sammlung: Wenn Männer mir die Welt erklären.

Daher habe ich mir gedacht, ich lasse euch an meinem Mansplaining Moment des Jahres 2021 teilhaben. Wenn ihr ebenfalls welche erlebt habt, dann schreibt mir gerne und ich verarbeite sie in einem neuen Artikel! 

Was war passiert.

Uns ist jemand in das Auto reingefahren. So doll, dass es fraglich ist, inwiefern sich die Reparatur noch lohnen würde. Da ich flexibler in meiner Tagesgestaltung als mein Freund bin, oblag es meiner Verantwortung jegliche Organisation eines Ersatzwagens zu tätigen. Ich habe ja auch mal in einer Werkstatt gearbeitet und dann jahrelang bei einem Zulieferer für Automobilteile gearbeitet. Also klar. Ich mache das natürlich. Ich bin da voll Hands-on wie man neudeutsch so schön sagt, suche im Internet auf verschiedenen Plattformen ein paar Kandidaten heraus, die meiner Meinung nach passen könnten und besprach diese dann mit meinem Freund, schließlich würde er das neue Gefährt am häufigsten nutzen. Wir einigten uns auf einen Kandidaten und ich suchte mir den Kontakt raus, um am nächsten Tag anzurufen. 

Gesagt getan, ich wählte die Nummer und am anderen Ende begrüßte mich ein männlicher Mitarbeiter des Händlers. 

Ablauf des Gesprächs

Ich: „Hallo, ich würde gerne ein Auto Probefahren. Ist das möglich?“

Er: „Ja, aber sie sollten es sich vorher schon angeguckt haben.“

Ich: „Ja, das würde ich dann in einem Zug machen, wenn es mir gefällt und den Fotos im Internet und so entspricht, dann möchte ich es gerne Probe fahren.“

Er: „Wir haben hier einen Prozess. Da wird das Auto erst angeguckt und dann Probe gefahren.“

Ich (mittlerweile leicht genervt): „Danke. Das habe ich schon verstanden. Ist es denn trotz allem möglich das Auto anzugucken und dann Probe zu fahren?“

Er: „Ich wollte Ihnen ja nur erklären, wie unser Prozess funktioniert."

Ich (mittlerweile nicht mehr so freundlich): "Das habe ich verstanden."

Er: "Ja gut. Wann wollen Sie denn vorbeikommen?"

Mein Mansplaining Moment des Jahres?

Eigentlich gar nicht mehr, dachte ich im Stillen. Ich musste mich in dem Moment echt zusammenreißen. In meinem Kopf skandierte der Teufel: „Heute ist feministischer Kampftag, frag ihn mal, ob er den Begriff „Mansplaining“ kennen würde!“ Auf der anderen Seite: Ich wollte in diese Diskussion nicht einsteigen. Welchen Wert hätte es für mich gehabt? Keinen. Er hätte mich nicht verstanden. Denn mal abgesehen davon, dass das tatsächlich mansplaining at its best war, konnte er ja nicht wissen, dass ich ein bisschen mehr Ahnung von Autos habe als andere Personen. Schließlich habe ich nicht nur in einer Autowerkstatt gearbeitet, sondern auch schon bei zwei Automobilzulieferern. 

Und Funfact: Mein erstes Wort neben nach "Mama" und "Papa" war wohl Auto. 

Wo liegt das Problem

Und genau das ist es, was mich aufgeregt hat. Er hat mir meine Kenntnis aberkannt. Einfach so. Ungefragt und unbekannterweise. Ja, er weiß nichts über mich, aber das gibt ihm nicht das Recht, anzunehmen, ich hätte keine Ahnung von Autos. Denn schließlich kann Mann auch nicht nicht wissen, dass Frau etwas über ein Thema weiß Und genau darum geht es. Frauen wird ihr Expertenstatus aberkannt, weil es Männerthemen sind. Es wird angenommen, dass wir davon keine Ahnung haben. Und das ist eine Frechheit. Also anstatt mich mehrfach auf den Prozess hinzuweisen, hätte er auch einfach sagen können: Wir reservieren maximal 24h, wann wollen Sie vorbeikommen. Stattdessen hat er sich jetzt unser Geschäft durch die Finger rinnen lassen. Nicht mein Problem an dieser Stelle. Aber muss ich im 21. Jahrhundert wirklich noch annehmen, dass es Männer bzw. Frauen spezifisches Wissen gibt, welches nicht Geschlechterübergreifend weitergegeben oder erlernt werden kann? Ich denke nicht. 

Was können wir als Gesellschaft ändern?

Daher hier einfach mal ungefragt von mir an alle, die es interessiert: Menschen haben mehr als oberflächliche Facetten, die durch Optik und Stimme und vielleicht Geschlecht geprägt sind. Sie sind tiefgründig und unterschiedlich. Und jeder Mensch hat das Recht ohne Vorverurteilung aufgrund veralteter, patriarchalischer Denkmuster wahrgenommen zu werden. Punkt. Für heute reicht’s.

Wir müssen also in den gesellschaftlichen Diskurs gehen, um zu erklären, warum Gleichstellung nicht nur per Gesetz, sondern an erster Stelle im Kopf entsteht. Gemeinsam darauf aufmerksam machen, was Sprache für uns bedeutet und wie sie unsere Wahrnehmung beeinflusst. Und zu guter letzt, anders als ich es in diesem Moment getan habe, immer wieder darauf aufmerksam machen. Aber wenn ihr meinen Gastauftritt im Podcast von Gabriel Rath - New Work Chat - gehört habt, so wisst ihr ja schon, dass ich normalerweise meinen Mund aufmache und mein Umfeld auch mal zu Recht weise. Gewünscht und ungewünscht ;)

 

Natürlich war dies nicht mein erster Mansplaining Moment des Jahres, nur eben der erste in 2021 und ziemlich sicher nicht mein letzter. Ein paar habe ich schon für euch eingeplant. Seid gespannt und einen schönen Start in die Woche! 

 

Eure Zita

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