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Mein erstes Mal

Ich war eingeladen worden mein Projekt vor der Management-Etage zu präsentieren. Damals arbeitete ich seit ungefähr einem Jahr in dem Unternehmen, es kam mir gleich einer Einladung zum Opernball. Nach anderen Projekten zuvor, hatte ich nun sehr viel Hirnschmalz in meinem Konzept verarbeitet, denn dieses konnte ich nach Herzenslust gestalten. Ich hatte auch nur wenige Kollegen, die mich darin unterstützen konnten, einfach, weil es kaum jemanden gab, der sich mit diesem Thema auseinandersetzte. Ich erstellte eine Präsentation und übte diese für mich im Konferenzraum. Es sollte ja alles stimmen und richtig sein. Daher holte ich mir Feedback von meinen engsten Kolleginnen, ging mein Englisch mit Ihnen durch und ließ mich von Ihnen aufbauen. Ich erklärte meinem Chef die Präsentation, worauf ich den Fokus legen wollte und wie lange ich ungefähr bräuchte. Er beruhigte mich, indem er mir versicherte, dass er ja dabei sein würde. Natürlich war ich ihm dankbar, dass ich das nicht alleine machen musste. Schließlich hatte er ja schon viel mehr Erfahrung als ich.


Die Reise begann

Es kam der Tag, an dem ich für dieses außerordentliche Meeting nach Darmstadt fuhr. Mein Chef war bereits einen Tag früher angereist. Ich wartete im Nebenraum auf ihn, damit wir meine Präsentation gemeinsam nochmal durchgehen können. Er kam in Begleitung seines Chefs, der mich begrüßte, sich offensichtlich freute mich zu sehen und uns viel Glück wünschte. Wir hatten 20 Minuten für meinen Vortrag geplant. Mit dem Kommentar „Wenn Sie nicht weiterwissen, machen Sie sich keine Sorge, ich bin ja da, um alles zu erläutern“ gingen wir in den Konferenzraum und starteten. In den Augen meines Chefs wechselten wir uns zu gleichen Teilen ab. Er erzählte sehr viel, ich stand daneben und sagte nichts. Die Folien durfte ich noch erklären, die Gedanken – zu 95% meine eigenen – erklärte er. Denn, schließlich konnte er das so viel besser als ich. Der Vortrag war vorbei, ich bekam Zustimmung, ein paar offene Fragen und ein genehmigtes Projekt. Ich durfte weitermachen.

Der Chef meines Chefs lobte mich für die Ausarbeitung und bevor er sich verabschiedete, sagte er noch in einem Nebensatz: „Wir müssen an Ihrer Sichtbarkeit arbeiten. Ihr Chef hat zu viel Raum eingenommen.“ Ich bedankte mich und verließ mit meinem Chef den Raum. 

Wie verhält sich Frau in so einer Situation?

Draußen fragte letzterer dann, ob er zu viel Raum eingenommen hätte? Ich stand da und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ja. Irgendwie hatte er das, aber habe ich ihm diesen Raum nicht auch ein Stück weit überlassen? Es war mein erstes Mal in so einer Runde, woher sollte ich wissen, wie der Hase läuft? Ich antwortete nur: „Sie haben schon sehr viel geredet. Ich war aber auch dankbar, dass Sie an meiner Seite waren.“ Das war auch nicht gelogen, verschönte die Wahrheit aber. Im Nachhinein denke ich, dass der Chef meines Chefs in dem Moment mehr Feminist war als ich Feministin. Ihm ging es nicht darum, mich als Frau zu fördern, sondern darum mich auf Grund meiner Fähigkeiten unabhängig meines Geschlechts in den Vordergrund zu stellen. 

Also änderte ich mein Verhalten

Von da an hielt ich meine Präsentationen allein. Ich holte mir seinen Input und verwertete, was ich meinte zu gebrauchen. Immer mehr fiel mir auf, dass es nicht um Leistung, sondern um Redeanteil ging. Mann redete so lange um den heißen Brei, bis keiner mehr folgen konnte oder die Lust am Diskutieren vergangen war. Einzelne pointierte Beiträge gingen unter in endlosen Monologen, warum was auch immer wie auch immer nicht ging oder anders gemacht werden sollte oder keine Ahnung. Zum ersten Mal verstand ich den Begriff Bullshit-Bingo. Für mich war nur noch wichtig, ich bin da vorne dabei. Ich stehe vor aller Augen und bin sichtbar. Nicht nur ein Name oder eine E-Mailadresse. Nein, ich bin fleischgewordene Realität und ich gehe hier erst weg, wenn ich nicht mehr hier stehen muss und trotzdem wahrgenommen werde. Denn das ist erfolgreicher Feminismus am Arbeitsplatz.

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