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Die Fehde des Pinky Gloves

Als neuerdings anerkannte Feministin möchte ich Stellung zum Pinkygate nehmen. 

Ich möchte erst einmal mein „Danke“ an die beiden Gründer aussenden, dass sie uns Frauen helfen wollten. Ich unterstelle in diesem Moment einfach mal gute Absichten. Als Gründerin weiß ich, dass es eine ordentliche Menge Mut bedeutet, mit der eigenen Idee in die Öffentlichkeit zu treten. Dabei ist Mann oder Frau auch immer mal wieder Kritik ausgesetzt. Das gehört zum Wachstum dazu. Das meine ich völlig ernst und nicht ironisch. 

Dennoch ist offenbar nicht alles richtig gelaufen, daher möchte ich auf die folgenden drei Hauptprobleme aufmerksam machen, die bei der Entwicklung der Pinky Gloves aufgetreten sind: 

1. Das Produkt wurde an der Zielgruppe vorbei entwickelt. 

2. Der tatsächliche Grund der Entwicklung ist schlecht verpackte – vielleicht unbewusste - Misogynie. 

3. Männer werden für Mansplaining belohnt.


Was bedeutet Zielgruppe?

Die Zielgruppe ist im Allgemeinen die zukünftige Kundenschar. Bei der Neuentwicklung eines Produktes, ist es sinnvoll rechtzeitig die Meinungen dieser einzuholen, damit das Produkt entsprechend angepasst werden kann. Dies ist wichtig, um eventuelle Risiken zu vermeiden wie beispielsweise einen Shitstorm oder einen Rohrkrepierer oder halt ein Produkt, welches nicht gebraucht und nicht gekauft wird. Als mögliche Methode kommt beispielsweise die Customer Journey in Frage. Dabei fragt man sich als Entwickler, welche Probleme löst mein Produkt für den Kunden und wie sieht eigentlich sein Weg zu meinem Produkt aus. Dazu gehört natürlich, dass man entweder der Kundengruppe entspricht oder aber diese irgendwie miteinbezieht. Denn schließlich kann Mann in diesem Fall die Probleme nicht nachvollziehen, die Frauen damit haben ihre benutzten Periodenprodukte zu entsorgen. Eine Handvoll WG-Erfahrungen sollten für ein zukünftig gewinnbringendes Produkt nicht als Kundenbefragungsmethode herangezogen werden. Als Ideengrundlage annehmbar, für die Weiterentwicklung des Produktes: reale Marktbefragung hätte vieles verhindern können. 

Am Markt vorbei entwickelt? Scheinbar unvorstellbar.

Seit Frauen ihre Periode bekommen, sind sie damit klargekommen, keinen Handschuh dabei zu haben, um den Tampon oder die Binde zu entsorgen. Ok. Das Produkt löst also kein bekanntes Problem der Zielgruppe. Stattdessen präsentieren sich die Erfinder misogyn, indem sie behaupten, benutzte Periodenprodukte würden stinken, wenn sie im Abfalleimer liegen würden. Irgendwie ungünstig rübergebracht, denn ich behaupte ein weiteres Mal, sie wollten uns ja nur vor unserer eigenen Scham und nicht ihrer Scham bewahren. Vielleicht kommt es auch mal zu Geruchsentwicklung im Mülleimer. Es ist ein MÜLLEIMER, das kann halt passieren, ihr sollt ja eure Nasen auch nicht reinhalten. Stattdessen habt ihr ein Produkt entwickelt, welches an einen Markt adressiert ist: Nämlich Frauen. Und einen anderen Markt befriedigt: Nämlich Männer, die nicht damit klarkommen, dass Frauen zum Wohle der Menschheit bluten. 

Und für die, dies es nicht wissen: Habt ihr schon mal altgewordenes Sperma gerochen? Auch gut verknotet im Kondom stinkt das ziemlich schnell. Das heißt, wer geschützten Sex hat, muss den Mülleimer eh regelmäßig entleeren. Dann seht ihr die Periodenprodukte auch nicht mehr - Problem gelöst. Und haltet bitte eure Nasen zukünftig einfach raus. 

Das Problem mit dem Investor

Was mir nicht einleuchten will, ist das offenbar jemand bereit war in dieses Produkt zu investieren? Jemand der genug Geld übrig hat, um Geld zu verlieren, mit einem absolut überflüssigen Produkt, welches - ich weiß, ich wiederhole mich - an der Zielgruppe vorbeientwickelt wurde. Als Expertin für Innovation weiß ich, dass nur sehr wenige Ideen es tatsächlich in den Markt schaffen und da erfolgreich sein werden. Und als Investor muss man genau abwägen, welche Risiken bestehen und ob dieses Produkt tatsächlich förderungswürdig ist. Und hier kommen wir jetzt zu dem eigentlichen Skandal. Vor zwei Jahren standen zwei junge Frauen in derselben Show vor den Investoren, um Ihre Periodenunterwäsche zu präsentieren, die von der Zielgruppe für die Zielgruppe entwickelt wurde und sind abgewiesen worden, aber mittlerweile erfolgreiche Unternehmerinnen. Gott sei Dank! Und zwei Männer mit einem irrelevanten, klimaunfreundlichen und noch dazu misogynen Erklärungsansatz werden dafür bezahlt, dass sie, ja was denn eigentlich getan haben? 

Achtung: Jetzt könnte es weh tun!

Für ihre vermeintliche Zielgruppe haben sie nichts getan. Das ist vielleicht gemein, aber ehrlich, sie haben uns Frauen bewiesen, warum Feminismus so wichtig ist und was es bedeutet, als Frau oder als Mann zu gründen. Sie haben deutlich gemacht, dass Frau mit einer grandiosen, hilfreichen und quasi bahnbrechenden Idee nicht finanziert werden, stattdessen aber Mann mit einer hirnrissigen Idee alles erreichen kann. Wenn wir uns als Gesellschaft also fragen, warum es wenig Gründerinnen und mehr als 80% reine männliche Gründerteams gibt, dann ja wohl deswegen, weil Frauen für ihre Leistungen mindestens doppelt so viele Nachweise wie Männer erbringen müssen und dann immer noch nicht als Experten für ihre Leistungen anerkannt werden. 

 

Für mich ist Pinkygate das beste Beispiel für mansplaining - sozusagen mansplaining par excellence. Männer erklären Frauen wie sie ihre Periodenprodukte am besten im Mülleimer entsorgen, und zwar so, dass Mann bitte bloß nicht mitbekommt, dass Frau blutet. Es ist einfach traurig, dass wir uns 2021 ernsthaft darüber unterhalten müssen, warum ein Pinker Handschuh nicht die beste Idee zur Lösung des Periodenproblems ist. 

 

Denn sein wir doch mal ehrlich: der Handschuh löst keine Probleme der Frauen, stattdessen löst er ein Problem des Mannes: Er kann die realen Probleme der Frau mit der Periode verdrängen und wird dafür auch noch belohnt.

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